Jury: Verursacher der Krise werden zu Opfern stilisiert
Frankfurt/M. Das Unwort des Jahres 2008 heißt „notleidende Banken“. Darauf verständigte sich jetzt die Jury in Frankfurt am Main. Die Formulierung „stellt das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf“, heißt es in einer am Dienstag verbreiteten Mitteilung der Jury. Deren Sprecher, Professor Horst Schlosser vom Institut für Deutsche Sprache der Uni Frankfurt, weiter: „Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssen, werden die Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise verursacht wurde, zu Opfern stilisiert.“
Die Jury kritisiert außerdem die Formulierungen „Rentnerdemokratie“. Grund: Als die Renten um ganze 1,1 Prozent erhöht werden sollten, malte der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog, selbst Bezieher satter Altersbezüge, das Schreckbild eines Staates, einer „Rentnerdemokratie“, in der „die Alten die Jungen ausplündern“.
Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt diffamierte Bürger, konkret die Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch, die wegen Zweifeln an der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen schon einmal vor das Bundesverfassungsgericht gegangen waren und dies beim neuen BKA-Gesetz noch einmal tun könnten, als „Karlsruhe-Touristen“ – ein bedenkliches Verständnis der Grundrechte.
Die Wahl eines „Unworts des Jahres“ erfolgte zum 18. Mal. Begründet wurde diese sprachkritische Aktion 1991. Diesmal hatten sich 2.117 Einsenderinnen und Einsender aus dem In- und Ausland, auch aus Übersee, mit 1.129 verschiedenen Vorschlägen beteiligt. Der Jury für das Unwort des Jahres 2008 gehörten an die vier ständigen Mitglieder Margot Heinemann (Leipzig), Nina Janich (Darmstadt), Horst Dieter Schlosser (Frankfurt a.M.) und Martin Wengeler (Düsseldorf). Vertreter der Sprachpraxis war diesmal der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ Sergej Lochthofen (Erfurt).
Unwörter der vergangenen zehn Jahre:
2007: Herdprämie – Das Wort diffamiert Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen.
2006: Freiwillige Ausreise – Gesetzes- und Behördenterminus, wenn abgelehnte Asylbewerber aus deutschen Abschiebehaftanstalten, sog. Ausreisezentren, nach intensiver „Beratung“ in ihre Herkunftsländer zurückkehren, wobei die Freiwilligkeit in vielen Fällen zweifelhaft ist.
2005: Entlassungsproduktivität – Gewinne aus Produktionsleistungen eines Unternehmens, nachdem zuvor zahlreiche für „überflüssig“ gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden.
2004: Humankapital – degradiert Menschen zu nur noch ökonomisch interessanten Größen.
2003: Tätervolk – grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf; als potentiell möglicher Vorwurf gegen Juden bei Martin Hohmann schlicht antisemitisch.
2002: Ich-AG – Reduzierung von Individuen (als Aktiengesellschaft) auf sprachliches Börsenniveau.
2001: Gotteskrieger – Selbst- und Fremdbezeichnung der Taliban- und El Qaeda-Terroristen.
2000: National befreite Zone – zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird.
1999: Kollateralschaden – Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit; NATO-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg.
