Volksparteien ohne Volk

Die CDU hat die SPD im Juni in der Zahl der Mitglieder überholt und ist damit erstmals in der Geschichte die größte Partei Deutschlands. 530 755 eingeschriebenen CDU-Mitgliedern stehen 529 994 SPD-Anhänger mit Parteibuch gegenüber. 1976/77 zählte die SPD noch mehr als eine Million Mitglieder, die CDU 1982/83 etwa 735 000 Beitragszahler. Danach begann der Abstieg. Ein Grund zum Feiern ist das also auch für die CDU nicht, denn eigentlich handelt es sich um einen Erfolg in einem Wettrennen im Rückwärtslaufen.
Fakt ist, dass beide großen Volksparteien seit längerem unter einem rapiden Mitgliederschwund leiden. Die SPD verlor in diesem Jahr bereits wieder 20 000, die CDU etwa 15 000 Mitglieder. Dazu kommt eine dramatische Überalterung. Der durchschnittliche Sozialdemokrat ist 57,0 Jahre alt, bei der CDU liegt der Schnitt bei 56,2 Jahren. Für junge Menschen sind unsere Volksparteien zunehmend unattraktiv geworden. Der rapide Mitgliederschwund der SPD hat sicher auch damit zu tun, dass das traditionelle Arbeitermilieu immer mehr verschwindet, in dem die Genossen verankert waren.

Von der Schwäche der Großen profitieren die kleineren Parteien. Linkspartei, FDP und Grüne befinden sich bezüglich ihrer Mitgliederzahlen in einem leichten Aufwärtstrend. Die Linken haben mit etwa 74 000 Mitgliedern inzwischen auch die FDP überholt, die gegenwärtig rund 66 000 eingeschriebene Mitglieder hat.

Der alte Typus der Volkspartei scheint überholt. Dramatisch ist das meines Erachtens nicht, denn das Interesse an Politik hat bei den Bürgern nicht nachgelassen. Aber die Parteien haben nicht mehr den Alleinvertretungsanspruch. Bis vor wenigen Jahren war es in Deutschland tatsächlich so, dass man in eine Partei eintreten musste, um politisch etwas bewegen zu können. Doch immer mehr entdecken vor allem junge Menschen, dass sie auch außerhalb der Parteien politischen Einfluss nehmen können. Durch Bürgerbefragungen und Volksentscheide werden zunehmend politische Entscheidungen näher zum Volk verlagert.
Der Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden oder die Verhinderung des Verkaufs der Leipziger Stadtwerke sind dazu aktuelle Beispiele.

Die großen Parteien nutzen diese Form der Mobilisierung bisher kaum. Sie müssen nach neuen Wegen suchen, um die Bevölkerung an den politischen Entscheidungen zu beteiligen. Nur so werden sie ihren Anspruch, Volksparteien zu sein, auch zukünftig gerecht werden.

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