Oberlehrer Deutschland

Vor einigen Tagen begannen in der chinesischen Hauptstadt Peking die Olympischen Spiele. In diesem Zusammenhang wurde bisher fast mehr über die „Menschenrechtslage“ in diesem riesigen Land als über Sport berichtet.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schwingt sich – unterstützt von einem Großteil der Medien – immer mehr zum Lehrmeister für Demokratie und Menschenrechte gegenüber Staaten wie China oder Russland auf.
Um es gleich vorweg zu nehmen. Natürlich gibt es in vielen Ländern dieser Welt eine eklatante Verletzung von Menschenrechten, und natürlich sind auch Russland oder China keine Demokratien nach westlichen Maßstäben. Darüber muss auch gesprochen werden.

Aber sind wir Deutschen gut beraten, uns hier zum Wortführer der europäischen Gemeinschaft zu machen ?

Es ist unbestritten, dass die Menschen in diesen beiden Staaten zu keiner Zeit mehr Freiheitsrechte hatten als gegenwärtig, und dass es ihnen wirtschaftlich auch nie besser ging als heute. Diese Entwicklung ist das Ergebnis vergleichsweise weniger Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution in China bzw. einer chaotischen „Demokratisierung“ unter Boris Jelzin in Russland.

Unsere Demokratie in Deutschland – auf die wir mit Recht stolz sein dürfen – entwickelte sich mühselig, nach kurzen Gehversuchen in der Weimarer Republik und einem durch Deutschland verursachten 2.Weltkrieg, zunächst im westlichen Teil unseres Vaterlandes.
Wir im Osten mussten erst noch einmal 45 Jahre Diktatur erleben. Aus dieser Zeit übrigens ist keine Äußerung von Frau Merkel über Freiheit und Menschenrechte bekannt.

Dafür empfing unsere Kanzlerin vor einigen Wochen mit viel Getöse den Dalai Lama im Berliner Kanzleramt. Sicher muss man auch über die „Tibetfrage“ reden – aber dann bitte unter Einbeziehung aller historischen Tatsachen.

Dazu gehört nicht nur die brutale Niederschlagung des Tibetaufstandes 1959 oder das Wüten der roten Garden während der Kulturrevolution in ganz China. Immerhin war Tibet fast 700 Jahre Bestandteil des chinesischen Reiches – und nur mit Hilfe Großbritanniens von 1913 bis 1950 ein von China unabhängiges Land.
Der jeweilige Dalai Lama war politisches und religiöses Oberhaupt eines feudalen Systems.
Die großen Klöster monopolisierten das Bildungssystem sowie alle wirtschaftlichen Aktivitäten, und zogen vom Volk – oft mit brutalsten Mitteln – Abgaben ein.

Und Tatsache ist auch, dass die Analphabetenrate Tibets während der letzten 15 Jahre von
45 % auf derzeit 30 % gefallen ist, und durch den Aufbau einer medizinischen Versorgung die Lebenserwartung von 35 Jahren im Jahre 1960 auf heute 67 Jahre gestiegen .
Die Zahl der Klöster beträgt wieder über 1700 mit mehr als 46 000 buddhistischen Mönchen.

Das alles sind nur Teilaspekte der sogenannten „Tibetfrage“, und die Person des Dalai Lama ist keinesfalls die umfassende Antwort darauf. Und die hat auch Frau Merkel nicht, auch wenn sie uns das weismachen will.

Aber nun freue ich mich erst mal auf die sportlichen Wettkämpfe der Olympischen Sommerspiele in Peking. Ich hoffe, Sie auch.

Kommentieren