Schlaue Kinder, schlechte Schulen

Unsere Industriebetriebe suchen händeringend Fachkräfte, und auch Ausbildungsplätze für technische Berufe bleiben schon unbesetzt. Die demografische Entwicklung, die zur Schließung von Kindertagesstätten und Schulen führte ist nun in Teilen der Wirtschaft angekommen.
Die Zahl der Schulabgänger wird sich in Ostdeutschland bis 2010 innerhalb weniger Jahre halbiert haben. Auch unsere Universitäten und Hochschulen erwarten einen deutlichen Rückgang bei der Zahl der Studierenden. Aber schon jetzt fehlen in Deutschland mehr als 200 000 Ingenieure und Naturwissenschaftler.

Trotzdem studieren nur 20 % der Arbeiterkinder, aber mehr als 80 % der Kinder aus Akademikerfamilien. Und wir leisten uns, dass jährlich mehr als 80 000 Jugendliche ohne Abschluss von der Schule gehen. Auch in Sachsen ist es jeder zehnte Schüler.

In Deutschland gibt es gegenwärtig mehr als eine halbe Million Arbeitslose ohne Schulabschluss. Die Gesamtzahl der Analphabeten beträgt 8 % der Bevölkerung. Eine unglaubliche Verschwendung der Ressource Mensch, die wir uns aus ethisch-moralischen aber auch wirtschaftlichen Gründen nicht mehr länger leisten können.

Die deutschen Schulen produzieren zunehmend Bildungsverlierer. Schuld hat vor allem das Schulsystem. Zu große Klassen, überladene Lehrpläne, zu wenig Lehrer, antiquierte Strukturen und ein Übermaß an Bürokratie sind Alltag an unseren Schulen.

Wir brauchen eine intensive Vorschulerziehung. Dazu gehören ausreichend Krippenplätze und Kindertagesstätten mit gut ausgebildeten Pädagogen. Und wir sollten uns eingestehen, dass es leider für eine Reihe von Kindern besser ist, sie in diesen Einrichtungen zu betreuen als sie in ihren Elternhäusern zu belassen.

Wir brauchen auch Schulen, die jede Begabung fördern und gleiche Chancen für alle garantieren. Dazu gehört der massive Ausbau von Ganztagesschulen. Ein Weg, der in Sachsen nur sehr zögerlich beschritten wird. Die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems muss wesentlich verbessert werden.

Wir brauchen aber auch eine Kultur der zweiten und dritten Chance. Jeder Erwachsene muss über das Schulalter hinaus das Recht und die Möglichkeit bekommen, den Schulabschluss nachzuholen. Noch mehr benachteiligte Jugendliche sind über Einstiegsqualifizierungen für eine Lehrstelle fit zu machen.

Und wenn wir schon zu wenig Abiturienten haben, und von diesen wieder zu wenige auf Hochschulen und Universitäten gehen, warum erlauben wir dann nicht einen Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte? Öffnen also unsere Hochschulen für Einsteiger ohne Abitur, die sich im Beruf bewährt haben. Was spricht dagegen, eine bestandene Meisterprüfung als eine mögliche Voraussetzung für die Immatrikulation an Hochschulen anzuerkennen?

Trotz Pisa-Schock und vieler Reden steuert unser Land weiterhin auf eine Bildungskatastrophe zu. Es ist höchste Zeit zu handeln.

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