Stell dir vor es ist Wahl und keiner geht hin. Ganz so schlimm hat es den Freistaat am Sonntag nicht erwischt. Die geringste Wahlbeteiligung aller Zeiten ist dennoch ein beunruhigendes Signal. Nicht einmal mehr jeder zweite Wahlberechtigte ging an die Wahlurne.
Ist das ein erneutes Beispiel für Politikverdrossenheit oder steckt womöglich mehr dahinter? Ich frage mich in wie weit wir Medienmacher nicht auch Anteil daran haben, dass die Menschen sich nicht für das interessieren, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert. Immerhin scheint Politik doch für viele Leserinnen und Leser interessant zu sein. Wie sonst erklärt sich die umfangreiche Berichterstattung über die Vorwahlen in den USA. Wohlgemerkt die Berichte über die Entscheidung der Präsidentschaftskandidatur bei den Demokraten fanden sich in nahezu allen deutschen Medien. Fast täglich berichtete Spiegel-Online über das Kopf-an-Kopf-Rennen bei den Demokraten. Die Frage Clinton oder Obama war den Machern wichtiger als die Kommunalwahlen in Sachsen. Gerade mal einen Beitrag widmete Spiegel-Online diesem Ereignis.
Was aus Sicht der Spiegel-Online-Macher noch verständlich erscheint, ist mit Blick auf die Medien in Sachsen umso unverständlicher. Der spannende Kampf ums Dresdner Rathaus, die erste Kreistagswahl nach der Gebiets- und Verwaltungsreform, die Frage, ob die rechtsextreme NPD den Einzug in die zehn neuen Kreistage schafft, all das wurde weitgehend ausgeblendet. Eine Zuspitzung oder Polarisierung selbst bei so brisanten Themen wie der Waldschlösschenbrücke fand nicht statt. So langweilig wie die Berichterstattung war auch der Wahlkampf. Angriffe auf Inhalte des politischen Gegners wurden nicht gestartet. Ja der Wahlkampf war blitzsauber. Keiner traute sich auch mal unter die Gürtellinie zu schlagen.
Doch nichts ist offenbar tödlicher für das Interesse von potentiellen Wählern als die geballte Ladung Langeweile. Wir dürfen gespannt sein auf die Erklärungsversuche der Politik und die Kommentare in den Medien. Zwischen Selbstzufriedenheit und Schuldzuweisungen dürfte der Rahmen dessen gesteckt sein, was uns angeboten wird. Mit einer ehrlichen Analyse hat das wenig zu tun. Von Selbstkritik ganz zu schweigen.
Ich für meinen Teil habe meine Lehre aus der Wahl gezogen. Wir werden bis zur Neuwahl am 22. Juni stärker polarisieren und die brisanten Themen so angehen, wie es sich für ein meinungsstarkes Medium gehört. Vielleicht zieht ja der eine oder andere Medienmacher mit und fängt an, Politik so spannend zu verkaufen, wie sie auch auf kommunaler Ebene durchaus sein kann.
