Extra-Große Buchstaben für Mittweida

Polizeischutz für Zug der Erinnerung
Mittweida. Manchmal kann einem Mittweidas Bürgermeister Matthias Damm (CDU) richtig leid tun. Kaum macht der Zug der Erinnerung Station in seiner Stadt, titelt eine kleine sächsische Boulevard-Zeitung auch schon: "Mittweida: Angst vor Neonazis. Polizeischutz für ,Zug der Erinnerung´." Extra-Große Buchstaben auf der Seite eins der gestrigen Ausgabe – sowohl in Chemnitz als auch in Dresden.

Im eigentlichen Text behauptet das Blatt: "Zum ersten Mal auf seiner langen Reise durch mehr als 60 europäische Bahnhöfe muss die Ausstellung vor Nazi-Übergriffen geschützt werden. Ausgerechnet in Sachsen, ausgerechnet in Mittweida."

)Doch die Wahrheit ist eine andere. Das erklärt auch Frank Fischer, Sprecher der für Mittweida zuständigen Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge: "Wir haben den Bahnhof im Rahmen unserer ganz normalenStreifentätigkeit mit einbezogen." Der Polizeischutz für den Zug sei so wie in etlichen anderen Städten auch.

)Und auch vor Ort ergibt sich ein völlig entspanntes Bild. Scharenweise kommen an diesem Freitag Schulklassen aus der Umgebung. Von Angst ist nichts zu spüren – weder im noch am Zug. Die einzige Auffälligkeit ist ein Absperrband der Polizei an der vom Zug abgekoppelten Dampflok. Doch das hat auch nichts mit den Neonazis zu tun, sondern mit einer geplatzen oder undichten Leitung aus der der heiße Dampf entweicht. Mit großen Schraubenschlüsseln versucht Lokführer Sachse die undichte Stelle zu schließen.

Bis zum Abend ändert sich auch nichts an der Lage. Stadtoberhaupt Damm macht sich selber ein Bild vor Ort. "Alles war völlig unproblematisch. Es hat keine Störungen gegeben", so Damm zu "Sachsen Zeit". Auch aus seiner Sicht hätten die Schutzmaßnahmen für den Zug, dem entsprochen, was in allen anderen deutschen Städten Standard war. Das bestätigt auf Nachfrage auch Torsten Henkel, Sprecher der Bundespolizei in Pirna: "Wir hatten vier Beamte im Einsatz." Kein Wunder also, dass Mittweidas Stadtoberhaupt entsprechend enttäuscht von der Berichterstattung der Boulevard-Zeitung ist. Damm: "Ich frage mich, woher die ihre Informationen haben."

)Unterdessen zeigt sich Damm zutiefst beeindruckt von der Ausstellung: "Sechs Millionen Juden verloren in der Nazi-Zeit ihr Leben. Das ist eine abstrakte Zahl. Aber durch die Einzelschicksale, die im Zug der Erinnerung gezeigt werden, wird die ganze Tragik deutlich." Die Organisatoren der Ausstellung dürften ebenfalls zufrieden sein mit dem Andrang in der Kleinstadt Mittweida. Rund 800 Besucher kommen bis zum Abend. Teilweise nehmen sie dafür bis zu einer Stunde Wartezeit in Kauf. Übrigens mit Blick auf die Gesamtbevölkerung kamen in Mittweida prozentual sogar mehr Besucher als in Chemnitz. Satte fünf Prozent aller Mittweidaer haben sich rein rechnerisch den Zug der Erinnerung angeschaut. In Chemnitz waren es dagegen nicht einmal 2,5 Prozent der Bevölkerung. Insofern ist Mittweida schon eine besondere Station gewesen.

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