Barak Obama, designierter US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten, versteht es, die Massen zu bewegen. Zu seiner im Vorfeld vieldiskutierten Rede an der Berliner Siegessäule strömten rund 200.000 Menschen. Kommentatoren erwarteten schon historische Sätze, die eine ähnlich prägende Wirkung entfalten sollten, wie einst John F. Kennedys Bekenntnis „Ich bin ein Berliner“.
Doch dann kam die Ernüchterung. Statt der angekündigten dreiviertel Stunde, die der Senator sprechen wollte, redete er knapp eine halbe Stunde, vor allem über die Stärke der engen Zusammenarbeit, „die Mauern einreißen könne“. Dieses Thema kam natürlich bei den Berlinern besonders gut an. Die Stadt jubelte ihm zu. Obamas Plan, großartige Bilder abzuliefern, ging auf.
Fraglich ist jedoch, ob Obama wirklich der große Menschenfreund ist, als den er sich darstellt. Zweifelsfrei ist Populismus im amerikanischen Wahlkampf nötig, um die Wahl zu gewinnen. Dennoch wird immer deutlicher, dass der 46-jährige Obama nicht der große Idealist ist, für den ihn viele derzeit halten. Das zeigt sich bereits bei seinen Bekenntnissen zum Schusswaffenbesitz, wie auch bei seiner Forderung nach der Todesstrafe für Kinderschänder. Der zweite Fakt machte ihn insbesondere innerhalb der extremen Rechten attraktiv, innerhalb der Linken gehen die Meinungen zu ihm weiter auseinander.
Barak Obama versucht, mit einem straff geführten, möglichst fehlerlosen Wahlkampf und die ständige Präsenz in den Medien, schon jetzt die Wahl für sich zu entscheiden. Doch auch der Republikaner John McCain ist ein nicht zu unterschätzender Rivale, der es durchaus versteht, eigene Akzente zu setzen. Sollte Obama in seinem Wahlkampf auch nur einen Fehler machen, könnte die Wählergunst schnell zu Gunsten McCains umschlagen. In Umfragen liegt Obama mit 47 Prozent nur sechs Prozentpunkt vor McCain (41). Da nützt es Obama auch nichts, dass er in Deutschland um so beliebter ist. Denn am Wahltag entscheiden die amerikanischen Wähler, wer ihr 44. Präsident wird – nicht die Deutschen.
